Schützenstube

General Johann Rudolf Werdmüller (1614 - 1677) Drucken E-Mail
Geschrieben von: SVW Webmaster   
Samstag, den 16. August 2008 um 20:52 Uhr
Der Namensgeber unseres Schützenfestes wurde im Jahr 1614 im Seidenhof in Zürich geboren. Als Sohn eines reichen und angesehenen Kaufmanns genoss er eine sorgfältige Erziehung. Er besuchte die Akademie in Genf, zusammen mit seinem Bruder Hans Georg, uns setzte dann seine kaufmännische, wissenschaftliche und militärische Ausbildung in Lyon fort.

1633 kehrte Johann Rudolf nach Zürich zurück, heiratete Anna Reinhard und übernahm das väterliche Seidengeschäft. Doch der Hang zum Kriegsdienst war stärker als alles andere. Werdmüller trat - während des 30-jährigen Krieges - in schwedische Dienste ein und stieg dort zum Obersten auf. Die Zürcher Regierung rief den tüchtigen Kriegsmann in die Heimat zurück und übertrug ihm das Kommando über ein für Venedig nach Dalmatien entsandtes Regiment aus Zürchern und Bernern. Als der Oberst wegen brutaler Strenge gegenüber seinen Truppen vom Zürcher Rat zur Rede gestellt wurde, trat er für einige Jahre ins Privatleben zurück, kaufte die Untere Au und liess sich dort ein Landhaus bauen.
 
Nachdem Werdmüller am Kampf gegen den Bauernaufstand teilgenommen hatte, spielte er im Ersten Villmergenkrieg von 1655/56, mit fast unbeschränkten Vollmachten ausgerüstet, eine entscheidende Rolle. Er besetzt die Rheinübergänge, den Thurgau und die Grenze bei Kappel. Dass es ihm aber nicht gelang, Rapperswil einzunehmen, schadete ihm sehr. Man machte ihm den Prozess wegen Landesverrat und Gottesleugnerei, und der in der Ratswürde eingestellte Oberst hatte der Stadt Zürich eine hohe Busse zu zahlen.
Nach dieser Demütigung durch die Obrigkeit zog sich Werdmüller von allen vaterländischen Angelegenheiten zurück und sucht im Ausland eine seinen Wünschen entsprechende Stellung. Von 1659 bis 1663 finden wir ihn im Dienste Ludwigs XIV. von Frankreich, von 1663 bis 1671 als Generalleutnant unter den Fahnen Venedigs im Kampf gegen die Türken. Zum Ärger der Zwinglistadt trat Werdmüller zum Katholizismus über, und so wurde er Feldmarschall-Leutnant in der Armee Kaiser Leopolds I. von Österreich. Im Kriege gegen Frankreich tat sich Werdmüller wiederholt ruhmreich hervor, so bei der Belagerung von Bonn (1673), bei der Einnahme der Festung Philippsburg bei Mannheim (1676) und bei der Eroberung von Saarbrücken im Frühjahr 1677. Im Winter 1677/78 sollte er die Pässe des Schwarzwaldes sichern. Er bezog daher mit seiner Truppe in Villingen Quartier. Dort starb er am 16. Dezember 1677 und wurde in der Nicolai-Kirche begraben.
 
1650 kehrte Johann Rudolf Werdmüller verärgert aus venetianischem Kriegsdienst zurück. Im Seidenhof dauernd zu wohnen, behagte ihm nicht. Er suchte sich daher einen Landsitz, wo er sich seinen Liebhabereien widmen und seine Gäste empfangen konnte, wo er auch seinen in Venedig zurückgelassenen orientalischüppigen Haushalt mit luxuriösem Hausrat und zwei türkischen Sklaven, einem Leibburschen und einer jungen Sklavin, unterbringen konnte. Durch Vermittlung seines Schwagers, des Wädenswiler Landvogtes Johann Konrad Grebel, konnte er vom Grossbauern Streuli die Untere Au kaufen, die damals "eine wüste Einöde und Viehweide" war.
Auf der Nordwestseite der Halbinsel baute Werdmüller eine Villa in venetianischem Stil mit grossen Gesellschaftsräumen. Zum Herrenhaus gehörten eine Reihe von Oekonomiegebäuden und ein aus Weinreben, Ackerland, Wiesland und Wald bestehendes Umgelände. Das Hauptgebäude enthielt auf der Südseite eine hohe, geräumige Halle, welche die ganze Breite der Hauptfassade einnahm. Der über der Halle gelegene obere Teil des Hauses ruhte auf sechs Backsteinsäulen, welche mit einer Marmorimitation verkleidet waren.
Die Inneneinrichtung des Hauses verriet ebenfalls fremdländischen Geschmack. Auf dem Platz vor der Villa stand ein schöner, wasserreicher Springbrunnen. Das abfliessende Wasser sammelte sich in einem mit eisernem Gitterwerk gedeckten Bassin, das als Fischbehälter diente. An die Villa stiess ein Garten mit ausländischen Pflanzen und Bäumen. Er war von einer starken Mauer umschlossen und rings um Wasser umflossen. So weit sich die Gebäude längs des Sees erstreckten, war das Ufer mit einem festen, aus Steinen gemauerten Damm gegen den Wellenschlag geschützt. In die Halbinsel hinein zog sich ein zirka 18 Jucharten grosser Teich, welcher durch einen engen, von Werdmüller hergerichteten Kanal mit dem Zürichsee in Verbindung stand.

Währen die Bauarbeiten auf der Au fleissig fortgeführt wurden - als Architekt amtete der Bruder des Generals, Hans Georg Werdmüller -, reiste der Oberst Ende Juli 1651 wieder nach Venedig, um seinen Sold zu fordern. Er löste seinen türkischen Haushalt auf und Kehrte mit Hausrat, Dienern und Sklaven an den Zürichsee zurück, wo er sich in seinem neuen Sitz auf der Au fürstlich einrichtete. Mit besonderer Liebe widmete er sich hier dem Gartenbau und der Landwirtschaft. Er richtete in seiner Villa einen grossen heizbaren Wintergarten und ein Treibhaus ein und hegte darin Zitronen- und Orangenbäume und andere Tropenpflanzen.

Neben seiner ländlichen Beschäftigung betrieb Hans Rudolf Werdmüller mit grosser Leidenschaft mechanische Künste. Zu diesem Zweck hatte er sich neben seinem Landhaus auf der Au eine mechanische Werkstätte mit Schmiede eingerichtet. Mancher Schlosser- und Schmiedegeselle fand hier oft für längere Zeit Arbeit und Lohn, indem er dem Hausherrn half, welcher im Schurzfell selber am Amboss stand, den schweren Hammer schwang oder am Schraubstock feilte. In seiner Schmiede auf der Au stellte Werdmüller "zum Nutzen und Vergnügen" allerlei Gitterwerk, Tore, Wagenbestandteile, Hufeisen, Wildfallen und Instrumente her, ja sogar Fahrzeuge und primitive Automaten. Aus dieser Werkstatt ging auch eine lange, schmale Gondel nach dalmatinischem Vorbild hervor. Sie war so eigentümlich und ungewohnt gebaut, dass man sie für ein Teufelswerk hielt. Fünf bis sechs Ruder bewegten das Boot und bewirkten, dass die Gondel "Gischt erzeugend mit so grosser Geschwindigkeit die Fläche des Sees durchschnitt, dass darob Zuschauer und Ruderer ein Grausen empfanden". Ein Zeitgenosse Werdmüllers äusserte sich, der General fahre in seinem Schiff auf dem Zürichsee herum wie der Teufel im Buche Hiob und erschrecke die Leute vom Lande solchermassen, dass sie darob fast sturm würden.

Mit grossem Eifer betrieb der Oberst auch Jagd und Fischerei. Im benachbarten Staatswald, wohin er Hirsche und Rehe aus dem Sihlwald versetzt hatte, übte er das Jagdrecht aus. Auf seinen Pirschgängen wurde Werdmüller häufig von seinem jungen Vetter Heinrich, dem Theologen, begleitet. Im Winter stellten die beiden leidenschaftlich den jungen Enten nach, welche sich scharenweise auf dem Ausee sammelten. Werdmüller züchtete ganze Vogelherden und fing in seinem Garn nach italienischem Vorbild gefiederte Leckerbissen. Für die Fischerei war die Au besonders günstig. Werdmüller liess den grossen Teich austiefen und durch einen engen Kanal mit breiter Mündung so mit dem Zürichsee verbinden, dass auch grössere Fische durch den Kanal in den Teich schwimmen, den Weg zurück aber nicht mehr finden konnten: In dieses Gewässer setzte er eine Reusse. Das Leben und Treiben Werdmüllers auf der Au wich von den Sitten der angestammten Bevölkerung krass ab. Gar manche Sonderheit konnte sich das Landvolk nicht erklären, und es fürchtete daher den Obersten als Zauberer und Schwarzkünstler. Selbst Gelehrte hatten ihn im Verdacht, er stehe mit dem Teufel im Bund. Werdmüller machte sich einen Spass daraus, seine abergläubischen Zeitgenossen in ihrem Glauben zu bestärken. Mit Vorliebe arbeitete er nachts in seiner Schmiede. Weithin dröhnten von der Au her die Hammerschläge, und vorbeifahrende Schiffer sahen - im Schauer der Geisterstunde - wie es feurig aus der Esse aufglühte.

Zu Werdmüllers Hexenstreichen gesellten sich unvorsichtige Äusserungen über die Kirche. Mit aller Entschiedenheit wandte sich der freidenkerische Kriegsmann gegen den engherzigen Geist, welcher damals in Zürich herrschte und in einer in Satzungen und Vorschriften befangenen Kirche seinen Rückhalt fand. Darob bezichtigte man den General des Unglaubens, was er aber bestritt. Er äusserte sich zwar dann und wann gar spöttisch; aber sein Spott galt nie der Religion an sich, sondern den Menschen, welche daraus ein Zerrbild machten.

Die unkonventionellen Äusserungen wurden dem Obersten von seinen Widersachern schwer angekreidet. Man klagte ihn als Gottesleugner, Zauberer und Verbündeten des Teufels ein. Der Rat ordnete eine Untersuchung an.
 
Am 3. Februar 1659 eröffnete man dem Angeklagten eine umfangreiche Klageschrift. Man warf ihm beispielsweise vor, er sei in einem Schiff "so schnell daher gefahren, dass es einem, so auch darinnen gewesen, schier gegrauset". Und man beschuldigte den Obersten, er habe behauptet, ein Mann dürfe zu gleicher Zeit zwei Frauen haben. Diesen Vorwurf wies Werdmüller mit aller Schärfe zurück. Er habe in dieser Form gewiss nie geredet. "Wenn einer jetzt eine Frau habe, so habe er daran so genug, dass er, wenn man ihm noch eine geben wollt, Recht vorschlüge und vor die Eidgenossen appellieren werde". Am 27. April 1659 fällte der Rat das Urteil. Johann Rudolf Werdmüller wurde seines Amtes als Mitglied des Kleinen Rates enthoben und hatte überdies eine gesalzene Busse zu bezahlen, "alles mit dem heiteren Anhang, dass es ime eine Warnung syn sölle". Über den Ausgang des Prozesses verärgert, verliess der Oberst die Au und leistete für den Rest seines Lebens unter fremden Fahnen Dienst.
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 30. November 2008 um 19:34 Uhr